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Familienforschung in Norddeutschland
Auszug aus "Keine Zeit zum Faltenzählen
"
Spürsinn wie Sherlock Holmes: Familienforschung in Norddeutschland
50 Aktenordner mit genealogischen Dokumenten und Aufzeichnungen hat Annemarie Löcking* (70) zusammengetragen, seit sie vor fünf Jahren damit begann, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. "Fünf Jahre sind für diese Aufgabe überhaupt nicht lange - um höheren Ansprüchen genügen zu können, müsste man schon 20 oder 30 Jahre dabei sein!", sagt die seit längerer Zeit verwitwete ehemalige Bibliothekarin. Ihre Tochter hätte bereits heute genug damit zu tun, sich in das Ruhestandswerk ihrer Mutter einzuarbeiten und es zu vervollständigen.
Ziel ist dabei, in begrenztem Umfang eine Ahnentafel zu erstellen. "Das ist jedoch nur für wenige vorhergehende Generationen sinnvoll - ab einem bestimmten Punkt werden es so viele, dass selbst große Papierbögen nicht mehr ausreichen!" Klar, wenn man sich mit Hilfe einfacher arithmetischer Regeln verdeutlicht, dass nach rund zehn Generationen allein die Ahnen in gerader Linie (Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, usw.) 1024 Personen umfasst, "Seitenlinien" (Geschwister, deren Ehepartner und Abkömmlinge) nicht mitgerechnet.
Hier kann es nur darum gehen, Tauf-, Heirats- und Sterbeurkunden der Altvorderen möglichst vollständig zu katalogisieren. Erfolgserlebnisse häufen sich vor allem dann, wenn letztgenannte möglichst zahlreich aus einem Ort stammten und wenig mobil waren sowie die Behörden und Kirchen dieses Ortes über möglichst vollständige Archive sowie hilfsbereite Mitarbeiter verfügen. Ein weiteres Erfolgskriterium ist neben der eigenen Ausdauer die soziale und wirtschaftliche Stellung der Urahnen:
Noch im 18. Jahrhundert wurden vorwiegend nur diejenigen in Einwohnerverzeichnissen registriert, die den bürgerlichen Stand erreicht hatten. Kam noch eine gewisse regionale Prominenz hinzu - etwa durch ein Bürgermeisteramt - ist es nicht ausgeschlossen, sogar eine Ablichtung der Verwandten aus der Anfangszeit der Photographie in örtlichen Archiven vorzufinden. Viele der Vorfahren Annemarie Löckings stammen aus Hamburg - für die nur eine gute Autostunde entfernt wohnende Frau wäre es eigentlich kein Pro¬blem, öfter in die Hansestadt zu fahren und im dortigen Staatsarchiv Kopien alter Dokumente zu studieren. Nun hat Annemarie Löcking aber vor eineinhalb Jahren noch eine andere, nahezu tagesfüllende Aufgabe übernommen: Sie betreut ihre knapp zweijährige Enkelin, um der Tochter die Berufstätigkeit als selbständige Geschäftsfrau zu ermöglichen. "Es ist manchmal schon anstrengend, aber das Schöne überwiegt - in meinem Alter noch einmal ein Kind aufwachsen zu sehen!"
So ist Annemarie Löcking weitgehend ortsgebunden und in Sachen Familienforschung auf die Hilfe anderer angewiesen, die bereit sind, für sie auf Datensuche zu gehen. Solche Helfer lassen sich ihre Dienste oft teuer bezahlen ("30,- EUR Stundenlohn sind keine Seltenheit"), ein Grund, weshalb Familienforschung keineswegs ein preiswertes Hobby ist. Einzelkämpfer müssen oftmals Reise- und Übernachtungskosten tragen, hinzukommen Porti und Gebühren für Photokopien und behördliche Dienstleistungen sowie die Kosten für Fachliteratur.
Für Frau Löcking ist dies indessen kein Grund, ihre vom Anfangsinteresse zur Leidenschaft entwickelte Aufgabe zu den bereits vorhandenen 50 Aktenordnern zu legen. "Es ist jedes Mal wieder eine große Freude und Überraschung wenn ich Post mit neuen Informationen erhalte, daraus wieder neue Rückschlüsse ziehen und weitere Spuren verfolgen kann."
Durch ihre Arbeit lernte Annemarie Löcking zahlreiche Gleichgesinnte kennen - einige persönlich, andere brieflich. Mit diesen unterhält sie regen Austausch über Forschungsmethoden und -quellen sowie über die persönlichen Daten längst Verstorbener, deren Namen sowohl in ihrer umfangreichen Kartei als auch in den Dateien ihrer "Kollegen" auftauchen. Viele dieser Kontakte wurden angestiftet durch die "Familienkundlichen Nachrichten", die von der Deutschen Gesellschaft für Genealogie (Genealogie = Familienforschung) herausgegeben werden. In der vierteljährlich erscheinenden Schrift, für den Laien nur unwesentlich informativer als die Mitgliederliste eines kleinstädtischen Sportvereins, werden Gebote und Gesuche privater Familienforscher veröffentlicht. Beispiel: "Westhoff. Heinrich, geb. 04.07.1836 in Minden/Westf.; biete Informationen auch über Vorfahren." Oder: "Sudmann, Dorothea, geb. 18.11.1867 in Altenstädt bei Kassel, wer weiß Näheres? Chiffre...".
Auch Annemarie Löcking liest die ">Familienkundlichen Nachrichten" regelmäßig und konnte dank ihrer umfangreichen, tausende handgeschriebener Namen umfassenden Kartei bereits einige Male anderen weiterhelfen und auch selbst neue Erkenntnisse gewinnen. Ist man nun automatisch verwandt, wenn ein Name sowohl im eigenen familienkundlichen Archiv als auch in den Akten anderer auftaucht? Frau Löcking verneint. Jeder Familienforscher ermittelt bei seiner Arbeit auch Namen, die nicht in die eigene Ahnenkette eingereiht werden können - etwa die "angeheirateter" Familienmitglieder. Man katalogisiert diese Namen aber häufig trotzdem, zum Beispiel um anderen Chronisten weiterhelfen zu können, über deren Hilfe man zu anderen Zeiten wiederum ebenfalls hocherfreut wäre.
Ihre Nachforschungen führten Frau Löcking bereits rund 300 Jahre zurück in die Vergangenheit. "Aber natürlich habe ich noch längst nicht alles beisammen, sonst wäre es ja langweilig. Und über noch frühere Generationen Informationen zu erhalten wird dann schon sehr schwierig, da ist nur noch wenig erhalten." Vorerst wird es für Annemarie Löcking also nicht eintönig, vor allem dann nicht, wenn es ihr auch in Zukunft gelingen wird, mit detektivischem Spürsinn genealogische Schätze zu heben - wie zum Beispiel geschäftliche Unterlagen eines Ahnen, der im 18. Jahrhundert als Kerzenzieher lebte. Oder die jenes Urururgroßvaters, der ebenfalls um diese Zeit in Hamburg Baumeister war und detaillierte Bauzeichnungen und Beschreibungen der Innenausstattung Hamburger Bürgerhäuser hinterließ. Und schließlich die kleine Daguerreotypie, auf welcher ein freundlich-distanziert lächelndes Ahnenpaar dem Betrachter mattschwarzsilbern entgegenblickt.
Aber das sind natürlich Ausnahmen von der Regel, dass im Allgemeinen bestenfalls Tauf-, Heirats- und Sterbeurkunde der Vormütter und -väter vollständig erhalten sind. Diese enthalten wiederum meist nicht mehr Auskünfte als Namen, Geburtsdaten und den Tag des Ereignisses.
Was ist nun reizvoll daran, sehr viel Zeit und Mühe aufzubringen, um diese oftmals recht leblosen Daten lange verstorbener Vorfahren zusammenzutragen? Annemarie Löcking kennt diese Zweifel. "Familienforschung wird zur Leidenschaft. Man überlegt, kombiniert, sucht nach Bezugsadressen für weitere Informationen - man wird zum Detektiv in eigener Sache!"
Das ist wohl der Hauptgrund dafür, dass sich immer mehr Deutsche, viele unter ihnen im Ruhestandsalter, mit kriminalistischem Spürsinn auf die Suche nach ihren familiären Wurzeln begeben.
Annemarie Löcking: "Es gibt auch Leute, die forschen unter ganz bestimmten Aspekten; zum Beispiel versuchen manche, die Todesursachen ihrer Ahnen zu erfahren, um Hinweise auf Erbkrankheiten zu erhalten. Andere wiederum möchten unbedingt wissen, ob sie von Karl dem Großen abstammen." Die meisten jedoch interessieren sich ganz umfassend und allgemein für alles, was ihre Vorfahren noch von sich preisgeben. Und, noch ein wichtiges Motiv der meisten Familienforscher: "Man hinterlässt seinen Kindern ein Stück Familiengeschichte, ähnlich einem unvollendeten, handgearbeiteten und reich gemusterten Teppich, an dem sie -wenn sie möchten- weiterknüpfen können."
* Name geändert
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