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Als Bremen brannte.




Brand
Als Bremen brannte

Sehr viel anders als das hamburgische verlief das Luftkriegsschicksal Bremens, eine um fünfundsiebzig Prozent kleinere Stadt, doch nicht weniger angesteuertes Bombenziel. Die 173 Angriffe fallen in einer 424 000-Einwohner-Stadt anders auf. Die zwei ersten kommen am 18. und 19. Mai 1940 jeweils kurz nach Mitternacht, 214 Bomben werden geworfen, es gibt siebzehn Tote und Schäden im Diakonissenhaus. In der Woche zwischen dem 22. und 28. Juni findet Angriff fünf bis neun statt, ein jeder quittiert mit 50 000 Schuß Flak; zehn Verletzte, ein Toter. Am 2. Juli wird das Gartenlokal Munte 1 beschädigt, am 17. Juli werden fünf am Vortage abgeschossene Piloten auf dem Gemeindefriedhof Aumund zu Grabe getragen; sie taten ihre Pflicht. Der 19. Angriff am 9. August geht auf den Industriehafen und die Nervenklinik, aber es sind nur 66 Bomben, die einen Leichtverletzten verschulden. Das Jahr geht zu Ende mit Nr. 36 und 37, einem Sprenggruß auf den Waller Ring sowie 78 Brandbomben auf Schwachhausen.

Englische und amerikanische Bomber
1941 beginnt mit ernsten Absichten. Nr. 39 bis 41 werfen in drei Folgetagen 15 000 Stabbrandbomben: 26 Gefallene. Vier Wochen später werden 500 Kinder wegen der Luftgefahr nach Salzburg evakuiert. Angriff Nr. 56 wirft die erste Mine, die zwanzig Personen tötet. Nr. 59 trifft mit 232 Spreng- und 3224 Brandbomben auf einen Schlag die Chirurgische-, die Frauen- und die Kinderklinik, das Pathologische Institut, die Taubstummenanstalt und die Staatsbibliothek. Der erste Angriff des Jahres 1942, die Nr. 87, trifft voll in eine Familienfeier in der Contrescarpe/Ecke Kohlhökerstraße: 26 Tote, 10 Schwer-, 18 Leichtverletzte. Im Juni 1942 finden Nr. 91 bis 94 mit 40 771 Brandbomben statt, im September Nr. 102 und 103 mit 37 166 dieser Art.
Nr. 92 war von General Harris als "Millenium Nr. 2" konzipiert, die Fortsetzung des Tausendbombenangriffs auf Köln. In der Nacht zum 26. Juni 1942 wollte er "Stadt und Hafen Bremens vernichten". 1067 Maschinen machten sich auf den Weg. Die fünfte Gruppe, 142 Maschinen, sollte sich allein mit den Focke-Wulf-Flugzeugwerken befassen, und zwanzig Blenheims konzentrierten sich auf die Werft Weser AG. In 65 Minuten sollte alles vorüber sein. Der breite Weserstrom war ein guter Wegweiser, lag aber unter Wolken. Bomber Command sah dies mit Sorge, baute auf den Westwind, der das Wolkenband vor sich her stieß und den Himmel blank fegte. In der Nacht hielt jedoch mit einem Male der Wind an, Bremen lag unter dichten Wolken. Die tausend Bomber hingen allein an den GEE-Strahlen. Infolgedessen fand ein Drittel der Flotte nicht die Stadt. Die Bomben trafen auf die südlichen und östlichen Wohngebiete. 572 Häuser verbrannten, 85 Tote wurden beklagt, Focke-Wulf empfing eine schwere Bombe, auch die Vulkan Werft, die Norddeutsche Hütte und die Korff-Raffinerie bekamen etwas ab. Der Verband führte 1450 Tonnen Bomben mit sich, genug, um der Stadt ein Hamburgschicksal zu bereiten, doch Wind und Wolken standen ihr zur Seite.
Die Zerstörungen wuchsen, Nr. 102, der bisher schärfste gelungene Angriff, bedeckt alle Stadtviertel und tötet 115 Personen; Nr. 103 beschädigt schwer sechs Schulen, zwei Krankenhäuser, das Überseemuseum und die Staatsbibliothek. Nr. 111 trifft auch ein militärisches Ziel, die Focke-Wulf Flugzeugbau GmbH: zehn Maschinen zerstört, zwölf beschädigt. Pfingstsonntag 1943 erlebt Nr. 112 mit den gewöhnlichen Treffern auf Schulen, Kirchen und das Diakonissenhaus, ein konstantes Ziel: 238 Gefallene. Nr. 117, am 26. November 1943, trifft wieder das Diakonissenhaus, des Weiteren elf Schulen und die Nervenklinik: 270 Gefallene.

Vor 60 Jahren der verheerendste Angriff
In der Nacht zum 19. August 1944 erleidet Bremen den schwersten Angriff des Krieges, Nr. 132 mit Feuersturm. In 34 Minuten fallen 68 Minen-, 10 800 Phosphor- und 108 000 Stabbrandbomben. 49 000 Obdachlose, 1054 Tote. Nr. 138 im Oktober hat Erfolge im Industriegebiet Hastedt und Sebaldsbrück; 110 150 Brandbomben, 82 Tote. Zwischen dem 24. Februar und dem 30. März 1945 fallen Nr. 148 bis 165. Das Staatsarchiv wird bei 8000 Brandbomben auf die Stadtmitte schwer beschädigt, Vacuum-Öl ist hart getroffen, 22 Kähne sinken im Hafengebiet. Die Adolf-Hitler-Brücke wird völlig zerstört und die Mädchenoberschule Lange Reihe: 75 Gefallene.
Die Behörden unterbinden die Priviligierten der Getöteten. Der Erlass vom 10. April bestimmt: "Um die gleichmäßige Behandlung aller Teile der Bevölkerung zu gewährleisten, muss daher die Verwendung von Särgen unterbleiben. Es wird erwartet, dass diejenigen Angehörigen, die dazu in der Lage sind, eine geeignete Umhüllung der Leiche, z.B. ein Tuch oder dergleichen liefern. Die Särge zur Beförderung der Leichen zur Grabstelle werden zur Verfügung gestellt. Die Einäscherung von Leichen muss aus Mangel an Heizmaterial eingestellt werden."
Angriffe Nr. 168 bis 171 finden am 23. April statt, und zwar um 3.49 Uhr nachts, 11.44 Uhr vormittags, 17.15 Uhr nachmittags und 1.00 nachts. Die Bevölkerung verläßt nicht mehr die Bunker, die Stromzufuhr ist erloschen, die Zusammenballung der Menschen verbraucht den Sauerstoff, so dass offenes Licht erlischt. Vor dem Bunker herrscht Frühlingswetter, die Bunkerinsassen schnappen Luft und drängeln in die feuchtnassen Betonwürfel, wenn die Motoren zu hören sind. Der letzte Angriff, Nr. 173, geschieht am 24. April, 14.00 Uhr, und reißt neunzehn Personen in den Tod. Am 25. April rücken britische Panzer in Bremen ein.

Die Resultate
Neben der Flugzeug-, Werft- und Ölindustrie sind die dichtbesiedelten Wohngebiete verlorengegangen, so die gesamte westliche Vorstadt. Die 890 000 Bomben auf Bremen töteten insgesamt 3562 Bürger, Gefangene und Fremdarbeiter. 58% Prozent des gesamten Wohnraums verbrannten. Erst Angriff Nr. 131 am 6. Oktober 1944, bereitet der Altstadt des seit 787 verzeichneten Bischofssitzes ein Ende. Nr. 121 hatte schon das zauberhaft ornamentierte gotische Essighaus niedergeworfen, und Nr. 122, unterstützt durch Nr. 137, beseitigt die eigensinnige dreischiffige Pfeilerbasilika St. Ansgari, begonnen 1229. Nr. 137 verbrannte auch die einschiffige Backsteinkirche in Gröpelingen, mit der im Chorgewölbe in Rötel ausgeführten Darstellung des Jüngsten Gerichtes.
Bremen steht in der Anzahl der Luftangriffe an zwölfter Stelle.

Auszug aus "Der Brand" von Jörg Friedrich, Ullstein-Heyne-List, 2003.





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